Trotzdem die Medien sich schon wieder anderen Themen zugewandt und das Hochwasser sowie die Folgen davon schon wieder vergessen haben, möchte ich noch ein paar Anmerkungen zu einem Thema machen, dass mich doch ein paar Tage lang immer wieder zum Nachdenken brachte:
Der älteste Konzern der Welt mit „Tradition“ schickte uns seinen Vorgesetzten oder CEO, wie man in der Sprache der “new economy” sagen würde… und mit ihm Regen und Hochwasser.
Aber vielleicht war es auch ganz gut so, denn dieses „Orgien-Hysterien“ Theater war mehr als unerträglich, mit welcher doppelten Moral und Bigotterie sich viele Menschen dem Papst und den Prozessionen hingaben, welche trotz miserablen Wetters noch genug Leute anzog.
Was mich persönlich allerdings stört, ist die versuchte Einflussnahme und Stellung, die die Institution katholische Kirche mit dem Papst für sich einzunehmen zu versucht. Die Trennung von Staat und Kirche hat zum Glück Europa in weiten Teilen schon lange hinter sich, im Gegensatz zu vielen Staaten im Osten und anscheinend auch in Amerika – wo die Trennung von Staat und Kirche maximal nur mehr auf dem Papier gegeben ist.
Der Papst – Hype wird zum Nacheifern einer Führerfigur, wie ich es mir zu Zeiten des Faschismus nicht anders vorstellen könnte – die röm. kath. Kirche konnte ja sehr gut mit ihnen, denn erst mit den Faschisten und dem Lateralvertrag wurde der Vatikanstaat wieder ein eigenes Reich in gegenseitiger Abhängigkeit mit der Mussolinidiktatur Italien.
Taufschein-Katholiken, “Scheinheilige” und Pseudoreligiöse, die mit der Kirche sonst nie etwas am Hut hatten, wollten sich nun im “Glanzlicht” – welcher Glanz und welches Licht? – „sonnen“ oder so wie Petrus es anscheinend wollte, Wind und Wetter überstehen.
Niemandem ist erlaubt, für sich selbst zu denken, will er doch ein frommer Katholik sein und auch von den Leuten, die laut Papst keiner „wirklichen Kirche im eigentlichen Sinn“ angehören, wird verlangt, diesen Kult mit zu tragen. “Benedetto” – Zwischenrufe während der Liturgie vermittelten eher den Eindruck eines (Superstar-)Konzertes, als einem kirchlichen Ritus.
Demagogen, Rattenfänger und Dogmatiker aus allen Himmelsrichtungen vereinen sich unter dem Banner dieses Papstes um einen Messias zu feiern, der sich gegen die herrschenden Institutionen eigentlich aufgelehnt hatte.
Der Papst versteht es sich in Szene zu setzen: Mit Sagern wie, “Abtreibung ist kein Menschenrecht” tut er genau das, was die Masse von ihm hören möchte. Allerdings wäre es spitzfindig zu behaupten, dass es Recht wäre: Zumal die Abtreibung laut Gesetz nur in den ersten drei Monaten straffrei aber in dem Sinn Unrecht ist; nicht mehr aber auch nicht weniger.
Aber gut, mich stört nicht nur die plötzlich wieder gefundene Frömmigkeit der auf – einmal – wieder – religiösen „Lämmer“ und deren Vertreter der Institution, sondern auch die Kritiker, die oft genauso dumpf wie dumm das “Bashing” von Papst und Kirche betreiben: Die meisten Menschen können nicht normal und überlegt auf das Thema Kirche und “Papa Razi” (re-)agieren, sondern es herrscht eine unglaubliche Polarisierung, die einen Beißreflex von den Pro – Leuten und den Kontras nach sich zieht.
Die Kirche tut viel Gutes, was der Staat nicht (mehr) macht – beispielsweise, sich für den arbeitsfreien Sonntag oder karitative Initiativen einzusetzen, abgesehen zum Beispiel der Aufrufe zur Keuschheit oder der Verteufelung von Abtreibung, Homosexualität (obwohl in der Kirche viel und oft praktiziert – was ist das für ein Zölibat?) und Verhütung, aber auch ich muss eingestehen, dass Menschen aus den Klöstern viel für die Natur und Wissenschaft geschaffen haben. Trotzdem überwiegt in diesem Licht ein mehr als fader und eigenartiger Nachgeschmack, der die Schatten nicht zu verdecken mag.
Die österreichischen Vertreter der römisch katholischen Kirche können gerne einen runden Tisch zum Thema Abtreibung abhalten, aber sie haben weder Recht noch sollten sie den Einfluss haben, dem Staat vorzuschreiben, was er tun soll und was nicht. Dafür ist die Trennung von Staat und Kirche ja eigentlich dar.
Aber es bedrückt mich sehr, wenn sogar praktizierende praktische Ärzte schreiben, dass Leute vor den Abtreibungsstationen für die Neugeborenen „nur beten“ und das Gespräch mit den armen Frauen suchen wollten, die eine sehr schwerwiegende Entscheidung zu treffen hatten. Diese „scheinfrommen“ Menschen betreiben Denunziation und Hetzerei, wie es kaum zu ertragen ist. Ich verstehe Menschen nicht, die eine Frau beschimpfen, die sich aus verschiedenen Gründen eine Schwangerschaft nicht leisten kann und die meisten dieser Frauen werden sich den Schritt sehr genau überlegt haben. Ich weiß nicht, wieso kirchliche Vertreter immer mit dem Argument kommen, dass diese Frauen, solche Entscheidungen übers Knie brechen oder einfach so mal so treffen würden…
So kam der Papst und mit ihm das Hochwasser – was für ein Zeichen soll da den „Gläubigen“ und anderen Menschen wohl gegeben werden?
Christian Muhr, Österreich