WAHL.2008 - Ist der Wahlk(r)ampf in Graz noch zu unterbieten?
Es ist die schlimmste Zeit im Jahr – es ist Wahlkampf: Als wäre es nicht übel genug gewesen, schon während der Adventzeit im Dezember letzten Jahres, die Bevölkerung der zweitgrößten Stadt Österreichs mit Parteien-Ständen und Plakaten für die Gemeinderatswahl am 20. Jänner 2008 zuzupflastern, schaffen es die zu wählenden Spitzenkandidaten immer wieder selbst, das Niveau eines nichts sagenden Wahlkampfes aufs Neue zu unterbieten.
Das so genannte „dritte Lager“, aus dem vor allem die FPÖ und das BZÖ Stimmen erhält, hat ja neben Ausländern, Asylanten oder anderen Minderheiten den Islam zum Feind(-Bild) erkoren, den es bekämpfen gilt. Dies war ja noch zu Zeiten Jörg Haiders anders, der Besuche bei Libyens Staatschef und Ex-Diktator Gaddafi oder beim damaligen irakischen Diktator Saddam Hussein vollzogen hatte, und dem immer noch gute Kontakte in den nahen Osten nachgesagt werden. Die FPÖ hatte in dieser Zeit, keine Probleme mit den Reisen, im Gegensatz zu den anderen Parteien.
Unter der Parteiführung von Hein-Christian Strache wurde im letzten Nationalratswahlkampf gegen den Ausbau einer Wiener Moschee gewettert und Sprüche wie „Daham statt Islam“ und ähnliche Aussagen plakatiert.
Was diese Provokationen aber eigentlich sollten, waren sie doch nichts anderes als gewollte Spaltung und Islamophobie (oder Anti-Islamismus), die ja in letzter Zeit in vielen Parteien rechts der Mitte Einzug gehalten haben. Die Massen- und Boulevard-Medien taten ihr übriges, damit der Skandal „perfekt“ war, und bauschten eben jene Aussagen von der Grazer Spitzenkandidatin soweit auf, dass die Meldungen „um die Welt“ gingen und Graz so viele (negative) Schlagzeilen hatte, wie sie seit der Rücksendung des Ehrenringes der Stadt Graz vom kalifornischen Gouverneur Arnold Schwarzenegger nicht mehr gegeben hatte.
Ihre „15 Minuten des Ruhmes“ hat am Sonntag, den 13. Jänner – am vergangenen Wochenende – die Spitzenkandidatin der Freiheitlichen Partei Österreichs (FPÖ) Susanne Winter, eine studierten Juristin: In einer, sogar für die FPÖ, provokanten Rede stellte sie den Propheten Mohammed als Kinderschänder dar, der in epileptischen Anfällen den Koran geschrieben haben soll. Diese sich selbst disqualifizierenden Aussagen sind alleine deshalb keine so große Hysterie wert, weil sie sehr einfach zu widerlegen sind: Was die „gute“ Frau nämlich nicht gesagt hat, war, dass die zweite Frau Aisha des Propheten Mohammed nicht unmittelbar 6 Jahre alt gewesen sein muss. Dafür gibt es keine gesicherten Überlieferungen. Man schätzt ihr Alter heute zwischen 9 und 18 Jahren. Im 6. Jahrhundert wurden Ehen üblicherweise aber schon mit 16 Jahren geschlossen, unter anderem, weil die Lebenserwartung viel niedriger war. Sogar in Österreich hat es solche („Zwangs“)-Verheiratungen bin ins 19. Jahrhundert gegeben. Ob junge Erwachsene mit 17 Jahren wirklich schon für die Ehe geschaffen sind, beziehungsweise, sie die daraus resultierenden Folgen in Ansätzen erahnen können, bleibt dahin gestellt. Man fragt sich auch heute manchmal, ob gewisse Menschen die Rechte, aber vor allem, die Pflichten aus solchen Verbindungen wirklich grundlegend begreifen können. Aber das ist ein anderes Thema. Was aber in der Formulierung von Frau Winter tatsächlich stimmen würde: Wenn heutzutage in unserem Rechtsystem ein 50 Jahre alter Mann, ein 6 jähriges Mädchen heiraten wollen würde, ginge das deshalb nicht, weil das Rechtssystem eine solche Art der Trauung nicht erlauben würde.
Um auf das eigentliche Problem zurück zu kommen: Es ist auch nicht mit Sicherheit erwiesen, ob der Prophet diese Ehe tatsächlich vollzogen hat, da er selbst damals schon alt und krank war. Islamwissenschaftler gehen eher davon aus, dass sie eine Art Schülerin war, die seine Lehren nach seinem Ableben weitergeben sollte.
Den Koran selbst, hat Mohammed ja gar nicht verfasst, sondern waren es, wie bei den Christen die Apostel, Schüler und Schülerinnen, die seine Lehren zu Papier brachten. Und wie bei der Bibel wurde dieses Machwerk danach eher zu politischen Zwecken und Kalkülen „missbraucht“, als, dass es als das gesehen wurde, was es auch ist: ein philosophisches Machwerk, dem man zustimmen kann, oder aber auch nicht.
Ein weiterer Punkt in dieser Rede, war die Aussage über epileptische Anfälle: Zwar gibt es im Koran eine Erwähnung, dass Mohammed unter Epilepsie gelitten haben könnte (z. B.: 52,29), aber damals wurde diese Krankheit als „heilige Krankheit“ oder „Einflüsterungen von Dschinns“ positiv verehrt, im Gegensatz zu heute.
Solche Aussagen, die auch noch massenhaft in diversen Schlagzeilen und Verkürzungen verbreitet wurden, tragen natürlich dazu bei, dass fundamentalistische Extremisten ein neues Feindbild gefunden haben und auf Webseiten Frau Winter mit dem Tod bedroht wurde. Abgesehen davon, ob man Aussagen gutheißen kann, wonach jetzt Graz zum einem Terrorziel erklärt werden könnte oder nicht, ist es wohl eine Schande für einen sonst schon sehr niveaulosen Wahlkampf, der mehr schon zum Krampf mutiert ist.
Seit es Drohungen durch diverse Webseiten gab, steht die Grazer FPÖ Kandidatin unter Polizeischutz, wofür man eigentlich ihr selbst die Rechnung präsentieren müsste. Wieso soll die gesamte, Steuern zahlende Bevölkerung für den Schutz einer Person bezahlen, die sich mit ihren eigenen Aussagen ins Abseits gestellt hat? Diese Kosten sollte auch Frau Winter selber tragen und übernehmen. Ihre Aussagen hat sie schließlich auch alleine getätigt…
Inzwischen ermittelt die Staatsanwaltschaft zwar wegen Verhetzung, aber Rechtsexperten glauben weniger an eine Verurteilung, weil geprüft werden muss, ob der rechtliche Tatbestand der Verhetzung wirklich erfüllt worden ist. Dies leitet sich nämlich davon ab, dass Frau Winter durch ihre provokanten Aussagen noch nicht gegen eine bestimmt Gruppe gehetzt hat, was ja Voraussetzung für das Delikt der Verhetzung ist. Möglicherweise könnte das Delikt „Herabwürdigung religiöser Lehren“ zum Zug kommen, wobei der „Kinderschänder Vergleich“ weniger bedeutend ist, da die Grazer FPÖ-Kandidatin Mohammed nicht direkt als Kinderschänder bezeichnet hatte, sondern die Annahme traf, dass „im heutigen System“ er ein Kinderschänder wäre.
Wo Rechtsspezialisten vielleicht ihre Freude haben werden, ist für viele andere Menschen hingegen nicht so interessant. Aber wenn allein schon Sprüche a la „Sie trifft den Nagl auf den Kopf“ (Anmerkung: der Grazer Bürgermeister heißt Siegfried Nagl) plakatiert werden können, und das ohne jegliche Folgen, wundert manche Menschen schon fast nichts mehr…
Auf dieser Veranstaltung, wo sich Frau Susanne Winter zu ihren Aussagen hinreißen ließ, peitschte die Zuhörerschaft von knapp 1000 Personen der Bundesparteiobmann der Freiheitlichen Partei Österreichs H.–C. Strache ein. Dieser legte Parallelen zwischen dem Anschluss im Jahr 1938 von Österreich an Nazideutschland und der Ratifizierung vom EU-Vertrag von Lissabon nahe. Man fragt sich allerdings, ob sich der FPÖ Chef diese Formulierung wirklich zu Ende überlegt hat? Viele Ewiggestrige verbinden mit dem Wort „Anschluss“ ja doch eher positive Assoziationen, im Gegensatz zur Mehrheit der Bevölkerung. Diese Menschen wählen aber hauptsächlich die FPÖ, da sie dem „dritten Lager“, rechts der Mitte, angehören. Aber wieso sollte sich der Bundesparteivorsitzende genau diese Formulierung zu Ende überlegen?
In einer Eilmeldung, 3 Tage vor dem Wahlbeginn, distanzierte sich doch noch Heinz-Christian Strache bei einer Pressekonferenz in Antwerpen von der Behauptung „Mohammed sei ein Kinderschänder“ gewesen, und bezeichnete die Formulierung als „missverständlich“ und „unglücklich“. Jedoch stehe er voll und ganz hinter der Grazer Spitzenkandidatin für die FPÖ, Susanne Winter.
Damit ist aber nur eine Aussage widerlegt worden, die nie einer ernsthaften Prüfung standgehalten hätte, und strafrechtlich kaum bis gar nicht relevant gewesen ist. Aber die Medien greifen diese Meldung auf und die Bevölkerung soll glauben, dass damit der Schuld genüge getan worden wäre.
Was die anderen Parteien betrifft, so brauchen sich diese nicht auf einmal als die Schützer gegen Religionshetze oder ähnliches hervor tun:
Durch den Skandal der FPÖ in Graz, ging der Parteitag der Ex-Getreuen vom BZÖ (Bündnis Zukunft Österreich) unter der Bundesparteiführung von Peter Westenthaler und Jörg Haider mit dem Grazer Spitzenkandidaten Gerald Grosz ziemlich unter. Dieser musste sich sogar Fragen über seine Sexualität von einem Grazer Provinzblatt gefallen lassen, nachdem er mehrmals auf Veranstaltungen der schwulen „Gemeinde“ gesehen worden war. Sonst werden ähnliche Aussagen vertreten wie von der FPÖ, vielleicht etwas volkstümlicher. Man verschenkte im Vorfeldwahlkampf Besen, weil man Graz von „Bettlermafia“ und „Asylmissbrauch“ säubern wolle. Solche Formulierungen sind kaum deftiger als die von Frau Winter getätigten.
Ganz ruhig sollte sich im Zusammenhang von den skandalösen Aussagen der noch amtierende Bürgermeister Siegried Nagl von der Österreichischen Volkspartei (ÖVP) verhalten. Dieser wollte noch vor 2 Jahren ein „Bollwerk gegen die Türkei“ errichten, und stellte sich gegen Schwule und andere Minderheiten, mit denen er sich in seinem Weltbild schwer tut. So war er es, der Blumentöpfe am Hauptplatz vor dem Rathaus aufstellen ließ, damit dort Punks nicht in der Gegend herumlungern oder betagte Bürger-/Innen um Geld anbetteln könnten, die man noch dazu aus dem Fenster vom Grazer Rathaus hätte sehen können. Außerdem wollte er ein Bettelverbot in Graz einführen, damit sich die anständigen Bürger-/Innen nicht damit auseinandersetzen müssen, dass es sehr vielen Menschen in unserer Gesellschaft sehr gut geht, was aber nicht überall der Fall ist. Nach und nach wurde dieser Vorstoß als Abwehrmaßnahme gegen betrügerische Bettlerbanden umgetauft und so der Bevölkerung verkauft. Der eigentliche Sachverhalt ändert sich aber nicht. Inzwischen will er von seinen früheren Aussagen vergessen machen und betont auch die Integration. Wer aber sich an seine Wortwahl von vor 2 Jahren erinnert, wird so jemanden kaum mehr glauben können. Und der Wahlkampf selbst?
Die ÖVP führt wie schon im Jahr 2006 auf Bundesebene einen „Wohlfühl-“ und Persönlichkeitswahlkampf, so in der Art: „Geht es dem Bürgermeister gut, geht es auch den Menschen gut.“ Leider stimmte schon das zynische Lächeln vom Präsident der Industriellen Vereinigung auf der Wahlkampfwerbung der ÖVP von 2006 nicht. Anders wird es auch diesmal nicht sein. Man kann keine ernsthaften Reformen oder Visionen entdecken. Es scheint alles um die Absicherung der Macht inklusive der wertvollen Pfründe zu gehen.
In ähnlicher Weise kann man den rein auf die Person von Walter Ferk zugeschnittenen Wahlkampf der SPÖ betrachten. Die Sozialdemokratische Partei – nicht wie früher Sozialistische Partei – hat zwar mit dem Vizebürgermeister einen Kandidaten, dessen Konterfei von vielen Plakaten oder Zeitungsberichten oder Szeneeventfotos lächelt, aber auch die SPÖ hat keine Rezepte gefunden, wie sie das Verkehrschaos, die Verringerung der Schulden oder die Abschaffung von Proporz und Privilegien vorantreiben könnte. Es ist anzunehmen, dass hinter solchen „Wahlverspreche(r)n“ keine ernsthaften Absichten bestehen, sondern es einfach um Stimmenfang von Menschen geht, die gutgläubig genug sind, solchen Leuten das wirklich zu glauben.
Die Kommunistische Partei Österreichs (KPÖ), die ja in Graz mit dem damaligen Spitzenkandidaten und Wohnbaustadtrates Ernst Kaltenegger eine Hochburg war, hat sich für diesen Wahlkampf das Thema Spielsucht dazugeheftet, wobei natürlich das Thema „Wohnen“ als Hauptthema bestehen bleibt. Es wird einem hier nicht allzu viel vorgegaukelt, beziehungsweise die auffallend reduzierte Auftrittsweise von der Grazer Spitzenkandidatin Elke Kahr fällt durchaus angenehm auf. Dennoch hat diese Partei wenig Chancen auf ihre Popularität oder Stimmenanteil von über 20% mit dem Spitzenkandidaten Kaltenegger zu kommen, da viele Vorschläge weder realistisch noch umsetzbar sind, und die KPÖ bisher nicht bereit war, sich an irgendeiner Regierungskonstellation aktiv zu beteiligen.
Bleiben noch die Grazer Grünen: Deren Spitzenkandidatin Lisa Rücker ist mit ihrer Vorbildfunktion mit Fahrrad als Maßnahme gegen den Individualverkehr oder als „Gutmensch“ durchaus sympathisch, jedoch bezweifle ich, dass sie den Flügel der gewaltbereiten Fundamentalisten in ihrer eigenen Partei wirklich unter Kontrolle hat. Diese Menschen haben nämlich noch immer nicht gelernt, dass die Gewaltspirale nicht aufhören kann, wenn man Menschen der diametral gegenüberliegenden „Reichshälfte“ genauso schlimm bedroht und beschimpft, wie das einige Leute, der rechtsextremistischen Szene machen. Das beste Beispiel war die letzte Parteiveranstaltung vom Samstag, den 19. Jänner 2008 der FPÖ in Graz, wo Susanne Winter ausgepfiffen und Heinz-Christian Strache mit Eiern beworfen wurde. Auch war es zu gewalttätigen Aktionen zwischen den zirka 300 Befürwortern und etwa 300 Gegnern der Partei gekommen, sodass die Polizei mehrmals einschreiten musste. Außerdem schafft die Anwesenheit von Grünen bei Veranstaltungen der FPÖ als „Störfaktor“ nur das Bild, dass mehr Personen solche Veranstaltungen besuchen. Aber auch da müssten die Grünen – nicht nur in Graz – dazulernen. Von den Themen hat, außer dem „Feinstaub“ – der so einfach, wie es sich die Grünen in Graz manchmal vorstellen – und der Ökothematik kaum etwas Neues gehört. Nur ein kleiner Skandal wurde doch noch entfacht, als die Spitzenkandidatin Rücker einen offenen Brief veröffentlichte, die sie als Absage an eine mögliche Koalition mit der Grazer ÖVP unter Siegfried Nagl, verstanden haben wollte. Der amtierende Bürgermeister hatte nämlich den Grünen geschrieben, ob diese mit ihm nach einem etwaigen Wahlgewinn nicht eine Koalition bilden wollen. Obwohl die Bundespitze der Grünen, vor allem Professor Alexander Van der Bellen, sich nicht negativ, sondern eher zurückhaltend bis ein wenig positiv über den Vorschlag geäußert haben, machten die Grazer Grünen keinen Hehl daraus, dass sie eine solche Variante nicht wünschen.
Bleibt eigentlich nur eine Qual der Wahl? Oder ist der Krampf wegen des Wahlkampfes doch zu überwinden? Am Ende des Sonntags wird sich somit zeigen, ob ein Wahlkampfstil mit Erfolg durch Wählerstimmen belohnt wird, wie er in Graz von der FPÖ oder auch dem BZÖ betrieben wurde. Beziehungsweise, werden damit auch die Marschrouten für die kommenden Wahlkämpfe gelegt. Graz wird damit zum Versuchslabor und Stimmungstest für die kommenden Urnengänge.
Auch die politischen Vertreter und ihre Getreuen oder Sympathisanten müssen endlich verstehen und lernen, dass auch „der Ton die Musik macht“. Man kann nicht die andere Seite beschimpfen, weil sie üble Unwahrheiten über das „gegnerische Lager“ verbreitet, aber selbst nicht besser sein, sondern Menschen bedroht und Mitglieder von der Gegenseite beflegelt.
Gewalt, in welcher Form auch immer, wird immer Gewalt nach sich ziehen. Extremisten bekommen egal zu welcher Farbe oder (Glaubens-)Richtung immer mehr Zulauf. Da ist es nicht verwunderlich, dass sich dann ein leichtgläubiger Mensch so verblenden und opportunistisch missbrauchen lässt, dass er eine Straftat begeht und glaubt, diese mit seiner Überzeugung rechtfertigen zu können.
In Graz und im ganzen Gebiet der EU sollte eigentlich der säkulare Rechtsstaat als Basis dienen, der auch das Gewaltenmonopol besitzt. Ich weiß aber auch, dass viele Bereiche durch Lobbies oder Einflussnahme korrumpiert sind. Die Trennung zwischen Staat und Kirche, die in den meisten islamischen Systemen (noch) nicht vollzogen ist, gibt uns mehr Freiheit und Frieden, als wir uns noch im letzten Jahrtausend erträumt hätten. Deshalb sollte man nicht nur meckern oder ausstellen, was alles nicht passt, sondern sich aktiv beteiligen und in dem Fall zur Wahl gehen, wenn man eine Partei findet, mit der man sich am ehesten identifizieren kann. Gut, in unserer „Parteiendiktatur“ in Österreich spricht man oft von der „Wahl des kleineren Übels“. Aber dieser Weg des geringsten Widerstandes wird keine großen Sprünge einer Reform zulassen, was vielleicht auch mit dem Wahlsystem zusammenhängt. Trotzdem sollte man über das Verhältniswahlrecht froh sein, weil es auch kleinen Parteien – und damit mehr Auswahl – die Chance bietet, in den Stadtrat einzuziehen. Dies steht im Gegensatz zum Mehrheitswahlrecht, das große Parteien eher fördert und kleine Parteien größere Hürden in den Weg legt. Eine Möglichkeit wäre zum Beispiel, dass man das Verhältniswahlrecht so adaptiert, dass man den Anteil der Nichtwähler der stärksten Partei so zurechnet, dass sie zwar in eine Koalition mit einer Kleinpartei gehen muss, und nicht alleine regieren kann. Damit wäre auch verhindert, dass sich Parteien in eine ungeliebte Koalition begeben, wie die große Koalition zurzeit auf Bundesebene. Außerdem würden es sich viele Nichtwähler doch noch einmal überlegen, ob sie ihre Stimme einer Partei schenken würden, die sie vielleicht überhaupt nicht unterstützen.
Die Frage ist letztendlich: Geht die Macht vom Volk aus oder geht die Macht dem Volk aus?
Christian Muhr, Österreich